GEBAUT FÜR DIE EWIGKEIT
Wie das Kolosseum gebaut wurde und überlebte
Errichtet auf Neros trockengelegtem See, in einem Jahrzehnt aus Travertin und Beton, von Erdbeben zerstört, als Steinbruch geplündert – und am Ende gerettet, weil er den Menschen etwas bedeutete.
Check dates and availability ↗Neros See und ein politisches Geschenk
Das Kolosseum steht auf einem Gelände mit einer bemerkenswerten Vorgeschichte. Nach dem großen Brand im Jahr 64 n. Chr. eignete sich Kaiser Nero ein riesiges Areal des zerstörten Stadtzentrums für einen verschwenderischen Privatpalast an, die Domus Aurea, komplett mit einem künstlichen See im Tal, wo heute das Amphitheater steht. Neros Exzesse wurden berüchtigt, und nach seinem Sturz setzten die neuen flavischen Kaiser ein kalkuliertes Zeichen: Sie ließen den See trockenlegen und errichteten genau an der Stelle, die Nero für sich beansprucht hatte, ein kolossales Amphitheater für das Volk. Die Rückgabe des Geländes an die öffentliche Nutzung war Propaganda ebenso wie Großzügigkeit – eine sichtbare Abkehr von einem verhassten Vorgänger. Der Standort selbst, tief gelegen und bereits entwässert, eignete sich zudem für ein Bauwerk, das feste Fundamente und später einen trockenen Untergrund benötigte.
Woraus es besteht
Das Kolosseum ist ein Meisterkurs darin, das Material dem Zweck anzupassen. Sein großes Skelett – die Pfeiler und die Außenmauer – besteht aus Travertin, einem harten Kalkstein, der in Tivoli gebrochen und nach Rom geschafft wurde, in Blöcken gesetzt und einst mit Eisenklammern zusammengehalten. Leichterer Vulkantuff und backsteinverkleideter römischer Beton füllen die oberen Ebenen und Gewölbe und halten das Gewicht dort gering, wo es auf pure Festigkeit weniger ankam. Römischer Beton – eine Mischung aus Kalk, Vulkanasche und Schutt – war das stille Wunder, das das Ganze möglich machte: In die geschwungenen Gewölbe und radialen Gänge gegossen, erlaubte er den Bauarbeitern, ein freistehendes Bauwerk von enormer Größe in Rekordzeit zu errichten. Die Marmorsitze und dekorativen Verkleidungen, die dies einst schmückten, sind längst verschwunden, doch die Ingenieursknochen darunter sind der Grund, warum so viel davon noch steht.
Für Menschenmassen gebaut, für Schnelligkeit gemacht
Für ein Bauwerk dieser Größenordnung entstand das Kolosseum erstaunlich schnell – etwa ein Jahrzehnt von Vespasians Baubeginn um 72 n. Chr. bis zur Einweihung unter Titus im Jahr 80 n. Chr., wobei Domitian kurz darauf das oberste Geschoss und das Hypogäum hinzufügte. Sein Design ist von schonungsloser Zweckmäßigkeit: Ein Ring aus Bogen-Eingängen, nummeriert für Ticketinhaber, speist ein System aus Treppen und Gängen – die Vomitoria – das Zehntausende mit bemerkenswerter Effizienz ein- und ausströmen ließ. Vier Arkadenreihen erheben sich in den klassischen Säulenordnungen, zugleich Struktur und Inszenierung. Der ovale Grundriss gewährt jedem Sitzplatz eine freie Sicht auf das Geschehen und ließ den Lärm der Menge anschwellen. Im Kern war es eine meisterhaft konstruierte Maschine zum Sammeln, Sortieren und Entlassen eines riesigen Publikums – eine Vorlage, an der sich Stadionbauer bis heute orientieren.
Erdbeben und langsamer Verfall
Das Kolosseum, das wir heute sehen, ist ein beschädigtes Bauwerk – und genau dieser Schaden erzählt eine Geschichte. Schwere Erdbeben im Laufe der Jahrhunderte – eines im frühen Mittelalter wird oft für das Schlimmste verantwortlich gemacht – brachten große Teile des südlichen Außenrings zum Einsturz. Deshalb ragt die eine Seite noch immer in voller Pracht mit ihren vier Rängen empor, während die andere bis auf den inneren Kern freigelegt ist. Die Spiele selbst endeten etwa im sechsten Jahrhundert, als sich das Reich und seine Wirtschaft wandelten und der gewaltige Bau seine Bestimmung verlor. In den folgenden Jahrhunderten diente er abwechselnd als Festung einer Adelsfamilie, als Quelle von Unterkunft und stellenweise sogar als Ort, an dem Werkstätten und Wohnungen in den Bögen untergebracht waren. Ein Gebäude ohne Funktion wurde für lange Zeit schlicht zu einem Steinbruch auf Abruf.
Für seinen Stein abgebaut
Während des größten Teils des Mittelalters und der Renaissance wurde das Kolosseum als bequemer Steinbruch für fertig behauene Bausteine behandelt. Sein Marmor wurde zu Kalk gebrannt oder als Fassadenverkleidung abgetragen, und seine Travertinblöcke wurden abtransportiert, um in ganz Rom Kirchen, Paläste und Brücken zu errichten – mehrere der berühmtesten späteren Gebäude der Stadt sollen Stein enthalten, der von hier stammt. Noch heute sieht man die Löcher, wo die eisernen Klammern, die den Travertin zusammenhielten, allein wegen des Metallwerts herausgebrochen wurden. Dieses Abtragen, mehr als jedes Erdbeben, ist der Grund, warum das Bauwerk so stark von seinem ursprünglichen Zustand reduziert ist. Dass überhaupt etwas überlebt hat, verdankt es vor allem seiner schieren Größe – es war schlicht zu viel, um es fortzuschaffen – und schließlich einem Sinneswandel darüber, was es eigentlich ist.
Warum es überlebt hat
Das Kolosseum überdauerte teils, weil es zu groß war, um es vollständig abzureißen, und teils, weil es eine neue Art von Bedeutung gewann. Im 18. Jahrhundert wurde es schließlich als Stätte verehrt, die durch das Blut christlicher Märtyrer geheiligt worden war – eine Überlieferung, die spätere Historiker zwar in Frage stellten, die den Päpsten jedoch einen starken Grund gab, es zu schützen statt zu plündern. Kirchliche Weihen, Kreuze und später gezielte Konservierung sowie die Abstützung der gerissenen Außenmauer stoppten die jahrhundertelange Steinentnahme. In der Moderne wurde es zum Wahrzeichen Roms schlechthin und zieht Millionen an; 1980 wurde es als Teil des Historischen Zentrums von Rom in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Das Bauwerk überlebte letztlich, weil es den Menschen etwas bedeutete – zunächst als Ausnahme im Steinbruch, dann als Monument.